Gold konnte sich von seinen Tiefs erholen, nachdem es seinen Rückgang zunächst den vierten Tag in Folge ausgeweitet hatte. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts, kurz nach der Eröffnung des US-Kassamarktes, fehlte den Bullen jedoch die nötige Entschlossenheit, um das Edelmetall deutlich nach oben zu treiben.
Erneut konnte sich der Preis oberhalb der wichtigen Unterstützungszone im Bereich von etwa 4.070 bis 4.110 US-Dollar behaupten, die in den vergangenen Wochen bereits mehrfach gehalten hat. Solange diese Unterstützungszone Bestand hat, dürfen die Bullen hoffen, dass das Metall seinen vorherigen Aufwärtstrend wieder aufnehmen kann, nachdem es einen Großteil des Jahres entweder in einer langfristigen Konsolidierung oder einem kurzfristigen Abwärtstrend verbracht hat.
Seit seinen Höchstständen im Januar ist Gold um rund 26 % gefallen. Daher könnte eine Erholung überfällig sein, zumal das Verkaufsmomentum in den vergangenen Wochen deutlich nachgelassen hat. Allerdings fehlt weiterhin ein klarer Auslöser, der den Gold-Ausblick wieder bullisch erscheinen lässt. Könnte sich das in den kommenden Tagen ändern?
Was verhindert derzeit eine stärkere Aufwärtsbewegung bei Gold?
Gold wird von derselben makroökonomischen Kraft in zwei entgegengesetzte Richtungen gezogen: der Inflation. Anhaltender Preisdruck sollte die Nachfrage nach Gold als Wertspeicher eigentlich stärken. Bleibt die Inflation jedoch hartnäckig hoch, könnte dies die Zentralbanken dazu zwingen, ihren restriktiven Kurs länger beizubehalten. Die Folge wären steigende reale und nominale Renditen, was Gold relativ gesehen weniger attraktiv macht.
Diese Spannung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die jüngsten Inflationsdaten aus den USA und Großbritannien sowie die weiterhin hohen Ölpreise haben die Sorge wiederbelebt, dass die Zinssätze länger auf restriktivem Niveau bleiben könnten als ursprünglich erwartet.
Die Anleiherenditen haben entsprechend reagiert. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt weiterhin über 5 %. Zwar sind die Renditen in den vergangenen Handelstagen etwas zurückgekommen, bleiben aber hoch genug, um Gold erheblich zu belasten.
Das erklärt, warum es Gold trotz der langfristigen Argumente rund um Inflation und Währungsentwertung schwerfällt, nachhaltige Aufwärtsbewegungen zu etablieren. Gold wirft keine laufenden Erträge ab. Wenn Anleger mit Staatsanleihen attraktive Renditen erzielen können, steigen die Opportunitätskosten für das Halten des Edelmetalls erheblich.
Käufe der Zentralbanken bieten langfristige Unterstützung
Es gibt jedoch eine weitere Nachfragequelle, die deutlich weniger empfindlich auf kurzfristige Renditeschwankungen reagiert. Die Käufe der Zentralbanken, insbesondere durch die People's Bank of China, bilden weiterhin eine wichtige strukturelle Stütze für den Markt.
Es gibt derzeit kaum Hinweise darauf, dass die Nachfrage aus dem offiziellen Sektor zum Jahresende hin nachlassen wird.
Anhaltende Käufe der Zentralbanken können die Dynamik einer Korrektur verändern. Wenn Anleger davon ausgehen, dass die Nachfrage des offiziellen Sektors stark bleibt, könnten sie eher bereit sein, Kursrückgänge über ETFs sowie den Spot- und Terminmarkt zu nutzen.
Anders ausgedrückt: Die Käufe der Zentralbanken könnten einen Boden unter dem Goldpreis bilden, selbst wenn das kurzfristige makroökonomische Umfeld schwierig bleibt.
Gold muss noch beweisen, dass die Verkäufer die Kontrolle verlieren
Aus technischer Sicht bleiben die Signale bislang jedoch bärisch. Gold weitete in der vergangenen Woche seine Korrektur aus und verzeichnete damit innerhalb der letzten acht Wochen lediglich zwei positive Wochenabschlüsse.
Gegen ein derartiges Momentum würde ich normalerweise nicht auf eine Bodenbildung setzen. Die Tatsache, dass die wichtige Unterstützungszone zwischen 4.075 und 4.100 US-Dollar weiterhin hält, lässt jedoch den Verdacht aufkommen, dass sich Gold einem Tiefpunkt nähern könnte.

Dieser Bereich markiert die Basis der Aufwärtsbewegung, die Anfang August begonnen hatte.
Die jüngste Erholung hat die übergeordnete technische Struktur bislang jedoch nicht verändert. Eine Trendlinie verbindet die jüngsten Hochpunkte. Ein klarer Ausbruch über diese Linie würde darauf hindeuten, dass das Abwärtsmomentum nachlässt. Allein dies wäre für mich jedoch noch kein ausreichender Beweis für einen nachhaltigen Boden.
Gold müsste zusätzlich die Zone zwischen 4.223 und 4.260 US-Dollar zurückerobern. Ein nachhaltiger Anstieg über diesen Widerstandsbereich würde deutlich stärkere Hinweise liefern, dass die Korrektur ausläuft und die Käufer die Kontrolle zurückgewinnen.
Gold-Ausblick: Kurzfristige Abwärtsrisiken bleiben bestehen, langfristig bleibt das Bild konstruktiv
Bis das oben beschriebene Szenario eintritt, bleibe ich vorsichtig und schließe einen weiteren Rückgang nicht aus. Dies bleibt ein realistisches Szenario, insbesondere wenn die Ölpreise hoch bleiben und die Renditen von US-Staatsanleihen ihren Anstieg wieder aufnehmen.
Dennoch bleibt das langfristige Bild für Gold konstruktiv. Die Nachfrage der Zentralbanken, Sorgen über Währungsentwertung sowie die generellen Diversifikationsvorteile einer Goldanlage sind nicht verschwunden, nur weil sich das Edelmetall aktuell in einer Korrekturphase befindet.